Toll. Alles so kreativ!

»Ihr habt es ja gut, ihr könnt den ganzen Tag kreativ sein.« Ein Satz wie Donnerhall – vor allem, wenn man weiß, wie er gemeint ist. Geäußert hat ihn vor geraumer Zeit Bekannte. Sie ist Ärztin, ihr Mann ist ebenfalls Akademiker. Sie haben ein Kind. Man hat den Eindruck, es gehe ihnen gut.
Sie beneidet uns trotzdem. Denn wir können jden ganzen Tag kreativ sein – die eine als Grafikerin, der andere als Redakteur, Texter, Berater. Das ist sooo klasse. Wir setzen uns morgens mit einer Tasse Kaffee ans Fenster, lassem uns von den Sonnenstrahlen wärmen und sinnieren ein wenig über Gott und die Welt und gutes Design. Es kann sein, dass uns die Muse küsst, dann bewegen wir uns vielleicht an den Schreibtisch oder das hippe Stehpult und werfen mit schnellem Strich ein paar Skizzen oder Ideen aufs Papier. Fertig. Oder wir fahren in unser Studio, das klingt schon so super kreativ, ein Ort, an dem Innovation herrscht, Tolles entsteht, die kreativen Gedanken geradezu Schlange stehen und darum betteln, realisiert zu werden. Dabei ist es eben ein »Studio« – also ein Studio, in dem manchmal Fotos entstehen und manchmal jemand am Schreibtisch sitzt und arbeitet. Und wenn es ganz dolle kommt, dann fahren wir irgendwo hin und pitchen. Pitchen, Alter! Das kennt man sonst nur aus Netflix-Serien. (Pitchen ost das, wo man im Wettbewerb mit anderen schon mal kostenlos erste Ideen vorstellen soll, um dann vielleicht irgendwann einen Auftrag zu bekommen. Oder auch nicht.) Aber: Sei’s drum. Wir haben es gut. Denn wir können den ganzen Tag kreativ sein.

Bullshit.

Dieses Bild von Kreativität ist in erster Linie etwas für Amateure. Wir, um Sascha Lobo mal in einem anderen Kontext zu zitieren, wir nennen es „Arbeit“. Die Vorstellung von Menschen, die tagtäglich ihren Jobs nachgehen und die sich unter der Medien-, Kultur- und Kreativwirtschaft irgendetwas Tolles, zumindest aber Begehrenswertes und vermutlich auch nie Erreichbares vorstellen, etwas, das nur entfernt mit Maloche zu tun hat, weil man ja allein aus sich selbst heraus agiert, Ideen umsetzt und diese natürlich auch zuhauf hat, also: die Vorstellung dieser Menschen von dem, was WIR so tun, die hat nur wenig mit der Realität zu tun. Was wir tun ist schlicht: arbeiten. Allerdings, das gebe ich gerne zu, haben wir es mit den tollsten Themen und den interessantesten Menschen zu tun. Ich klage in keiner Weise über die Inhalte dessen, womit ich mich tagtäglich beschäftigen darf. Ich wundere mich nur über die absonderliche Vorstellung vieler Menschen, wie diese Arbeit denn sein könnte oder müsste.

Es gibt keine „Schreibblockade“


Hilfe, ich habe gerade eine Schreibblockade und ich komme da echt nicht raus, und jetzt bräuchte ich mal ein paar Tipps von Euch, wie ihr mit sowas umgeht – solche Postings kann man auf diversen Plattformen immer wieder lesen. Meist stecken Personen dahinter, die sich in den Kopf gesetzt haben, jetzt Autorin oder Autor zu werden oder schon zu sein. Denn schreiben, das haben wir ja in der Schule gelernt, und dann kann es ja auch nicht so schwer sein, das Ganze in Buchform zu bringen. Und man hat ja auch so viele tolle Ideen. Nur eben: diese Schreibblockade.
Was hilft? Weiterschreiben. There is no such thing as »Schreibblockade«. Du setzt dich hin und schreibst. Wenn das dein Job ist, dann schreibst du. Wenn du Profi bist, dann schreibst du. es kann gut sein, dass zwei Wochen lang nur Grütze dabei entsteht. Dann wirfst du sie eben weg. Aber du schreibst.
Dasitzen und auf Inspiration warten, das ist etwas für Amateure. Profis können sich das nicht leisten. Der Koch, dem gerade mal eben kein tolles Rezept einfällt, der kocht trotzdem. Jeden Tag. Weil seine Gäste was essen wollen. Und weil er Profi ist und nicht mal eben ne TK-Pizza servieren kann. Die Designerin, der die Logo-Deadline im Nacken sitzt, die wartet nicht auf den einen tollen Einfall. Sie tastet sich ran, sie entwickelt Varianten, sie siebt ihre Entwürfe so lange, bis sie ein tragfähiges Konzept entdeckt, an dem sie dann weiter … na? Genau. WeiterARBEITET.
Und der Architekt, der immer mit einem leeren Blatt Papier anfängt, kann nur dann gute Entwürfe hinlegen, wenn er über ein breites Repertoire verfügt, über einen Fundus, über Kreativitätstechniken und über Erfahrung. Die aber kommt nicht durchs Warten auf den kreativen Blitz, die kommt nur durchs Machen.*

Die landläufige Vorstellung von Kreativität ist für Amateure.
Profis arbeiten.

Foto: Kelly Sikkema / Unsplash

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