Tipps für den Start in die Selbstständigkeit

Vor rund 12 Jahren reifte bei mir der Entschluss, dass »Selbstständigkeit« ein erstrebenswertes Ziel ist. Nach vielen Jahren Ausbildung, Studium und Festanstellung war mir klar, dass mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der richtige Weg für mich sein würde.

So ein Schritt ist nicht einfach – und vom direkten Umfelt wird er mitunter argwöhnisch betrachtet. Denn wir leben (in Deutschland) in keinem Land, in dem Selbstständigkeit etwas Normales ist. Weder in der Schule, in der beruflichen Ausbildung noch im Studium wird großer Wert darauf gelegt, Menschen zum Unternehmertum zu qualifizieren. Meist wird noch nicht einmal die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass dies ein guter, sinnvoller und auch wichtiger Weg sein könnte. Mir scheint oft, dass die abhängige Beschäftigung als Arbeiter:in, Angestellte:r oder gar Beamt:in das Maß aller Dinge ist. Wer sich selbstständig macht, macht sich verdächtig: hat vermutlich »keine Chance am Arbeitsmarkt« oder was auch immer genau hinter einem solchen Schritt stecken mag. Entspricht jedenfalls nicht der Norm. Ok, Start-ups sind da ausgenommen, die klingen zumindest fancy shmancy und es umweht sie ein Hauch von Wagemut und Innovation.

Für mich war die Entscheidung pro Selbstständigkeit goldrichtig und tatsächlich gelingt es mir seit Jahren recht gut, ohne den Anspruch auf bezahlten Urlaub, 13. Monatsgehalt und andere Annehmlichkeiten zu leben – für mich überwiegen die Vorteile des selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Handelns diese zugegebenermaßen schönen Benefits der Angestellten eindeutig. Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir jungen Menschen die Option »selbstständig« viel offensiver vermitteln müssen als bislang.

Hier einige Erfahrungen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben:

Die Angst der anderen ist die Angst der anderen

Jetzt musst Du alles selbst machen! Und wenn Du krank wirst? Was ist mit Urlaub? Und die Rente, die zahlt doch zur Hälfte der Chef? Die Krankenversicherung auch? Bist Du wirklich sicher? Danach wird der »Wiedereinstieg« schwer, wenn es nicht klappt. All das habe ich gehört beim Start in meine Selbstständigkeit. Und schon nach kurzer Zeit die Ohren zugeklappt. Wenn man weiß, was man kann, und weiß, was man will, und weiß, worauf man sich einlässt: nicht aufhalten lassen! Die Angst der Anderen ist wirklich deren Sache. Natürlich muss man abwägen, kalkulieren, bewerten. Aber die Entscheidung trifft man selbst.

Selbstständigkeit heißt: selbst denken, selbst entscheiden, selbst die Konsequenzen tragen

Ja, so ist das. Momente der Unsicherheit sind normal. Aber: Es gibt niemanden mehr, der für einen denkt. Man ist Entscheider in eigener Sache, man bestimmt den Weg selbst, den man gehen möchte. Dass der oft steinig ist, Kurven hat und manchmal auch irgendwo so endet, dass man zwei oder drei Schritte zurück gehen muss, um weiter zu kommen – geschenkt. On your own risk.

Kein Stress in der Beziehung: Partner müssen mitziehen

Das ist das A und O. Wenn Partner:innen moralisch unterstützen, ist das schon viel wert. Wenn sie aktiven Support geben, umso besser. Schwierig wird es immer dann, wenn die Ansprüche an Freizeit und Finanzen unterschiedlich sind. Selbstständige haben in aller Regel weniger Freizeit als Angestellte und sie haben, zumindest in der Anfangszeit, auch weniger Geld zur Verfügung. Auch kann das Einkommen schwanken – von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Wer damit selbst nicht klarkommt, ist für eine Selbstständigkeit eher ungeeignet. Wer darüber auch permanent mit der/dem Partner:in diskutieren muss, weil kein Verständnis für die spezielle Situation der Selbstständigen da ist, hat es schwer. Zusätzlich zu all den Herausforderungen, die sich im Job ohnehin auftun.

Werden sie zum Buchhaltungsspießer

Wirklich. Werden Sie! Buchhaltung macht keinen Spaß. Die ersten drei Jahre meiner Selbstständigkeit habe ich sie dennoch allein gemacht, bevor ich dann alles vertrauensvoll einer Buchhalterin und einem Steuerberater übergeben habe. Warum? Ich wollte wissen, wie das alles funktioniert. Buchhaltung ist nicht Vergnügungssteuerpflichtig, aber sie ist wichtig, weil (auch) sie über das Gelingen oder das Scheitern einer Selbstständigkeit entscheidet.

Meine ersten Schritte waren daher: Pultordner mit 12er-Teilung kaufen, alle Belege eines Monats kamen in das jeweilige Fach. Eingangsstempel mit Datum kaufen für alles, was im Briefkasten landete (damals war das noch mehr als heute). Sofrware suchen, die einen nicht überfordert und die halbwegs ordentlich aussieht – sonst hat man schon beim Öffnen die Nase voll. Die monatliche Umsatzsteuer-Voranmeldung ist einerseits lästig, zwingt andererseits aber dazu, auf dem Laufenden zu bleiben: Jeden Monat ist die Buchhaltung des vorangegangenen Monats erledigt. Schieben Sie nichts auf, bleiben Sie am Ball, gewöhnen Sie sich an Ordnung zu halten, heften Sie Belege ordentlich ab bzw. archivieren Sie sie digital so, dass sie den Durchblick behalten. Für die Buchhaltung habe ich mir einen einfachen Satz gemerkt: Get your shit done.

Geld verdient man nicht mit arbeiten, sondern mit dem Schreiben von Rechnungen

Die erste Rechnung zu schreiben war aufregend. Und ich habe sie viel zu spät abgeschickt, weil sie mir – was für ein Irrsinn – auch irgendwie peinlich war. Weil man mit einer Rechnung von anderen Geld fordert. Heute kann ich darüber nur noch lächeln. Sobald eine Leistung erbracht ist, geht in der Regel am nächsten Tag meine Rechnung raus. Denn eine Rechnung ist kein Bitten um Almosen, sie ist nur ein Teil eines Austauschgeschäfts, bei dem der Kunde eine Leistung bekommt (in der Regel mehr, als er bezahlt), und ich bekomme Geld dafür. Das Eine ist nicht wervoller als das Andere – beide sind mindestens gleichwertig, sonst wäre es nicht zur Beauftragung gekommen. Also: Keine falsche Scham: Rechnung schreiben! Und zwar zügig, denn ja nach Kunde dauert es ein Weilchen, bis der Zahlungseingang verbucht werden kann. Es ist aber wichtig, dass das Geld schnell fließt, denn wer weiß, was morgen ist? Es bringt Selbstständigen nichts, eine große Zahl offener Forderungen zu haben. Nur Bares ist Wahres – denn Sie wollen von Ihrem Job ja leben können.

Genug zur Seite legen: Die Steuer kommt bestimmt

Es gibt nur Eines, das schlimmer ist als eine hohe Steuernachzahlung: Eine hohe Steuernachzahlung mit gleichzeitiger Erhöhung der Vorauszahlungen für das Laufende Jahr. Wer seine Finanzen nicht wirklich im Griff hat, kann in die Falle laufen, dass das Finanzamt Geld möchte. Und zwar unerwartet viel, obwohl man das eigentlich hätte wissen müssen, denn Steuersätze sind ja bekannt. Dennoch besteht gerade beim Einstieg in die Selbstständigkeit die Gefahr, die Dimensionen nicht zu überblicken. Der wichtige Merksatz hierzu: Das Geld, das auf Ihrem Geschäftskonto liegt, gehört nur zum Teil Ihnen. Davon gehen, je nach Firmenkonstrukt, regelmäßig vereinnahmte Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Einkommensteuer und diverse andere Abgaben weg. Angestellte sind an Netto-Einkünfte gewohnt, die Lohnsteuer wird (als Vorauszahlung für die Einkommensteuer, deren Erklärung jährlich abgegeben wird) ja schon abgezogen, bevor das Geld auf den eigenen Konto landet. Dasselbe gilt bei Kranken- und Rentenversicherung … der Arbeitgeberanteil entfällt für Selbstständige ja, bzw. besser gesagt: sie zahlen ihn selbst. Deshalb: Sorgen Sie vor, legen Sie Geld zur Seite, geben Sie auf keinen Fall alles aus, was auf ihrem Konto landet – da gibt es gewisse Begehrlichkeiten der öffentlichen Hand, und die kennt bei Steuerschulden nur wenig Spaß.

Fuck-You-Money

Ein wichtiger Tipp des Fotografen Helmut Newton: Sobald es geht, muss man Geld auf die Seite legen. Es muss so viel sein, dass man eine gewisse Zeit ohne neuen Auftrag überleben kann – zum Beispiel für Zeiten, in denen es mit einem bestehenden Kunden nicht mehr gut läuft oder man nur Anfragen von potenziellen Kunden erhält, mit denen man lieber nicht zusammenarbeiten möchte. Um dann absagen zu können, braucht man eben genau das auf der hohen Kante: Fuck-You-Money.

Honorare

Sie müssen selbst wissen, was in Ihrer Branche und für Ihre Leistungen angemessen ist. Einziger Tipp: Steigen Sie nicht zu niedrig ein. Nichts ist schwieriger, als bei einem Bestandskunden nach gewisser Zeit höhere Honorare durchsetzen zu wollen (Stichwort: Inflationsausgleich). Falls es sich um langfristige Verträge handelt, vereinbaren Sie eine Staffelung.

Achten Sie auf sich selbst – sonst tut das nämlich niemand

Ja, so ist das. Sie bleiben nur dann leistungsfähig, wenn Sie fit bleiben. Keine Gewerkschaft passt auf Sie auf, keine Chefin schickt Sie nach Hause, kein Amtsarzt untersucht Sie regelmäßig. Sie müssen sich um alles selbst kümmern – vor allem auch um Ihre Gesundheit, Ihre Auszeiten, Ihre Urlaube, Ihre Entspannung. Aber auch um Ihre Weiterbildung, Ihre Qualifikation, Ihre Entwicklung. Um alles. Sie sind Ihr wichtigstes Kapital.

Foto: Clark Young / Unsplash

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